Interview mit Miriam Wessels - Traumpaar: Faszien-Training und Kundalini Yoga

Der Begriff Faszien scheint allgegenwärtig, überall gibt es Faszien-Training, Faszien-Therapie oder Faszien-Yoga. Mitgliederhefte von Krankenkassen, die Apotheken-Umschau und sowieso das Internet geben Erklärungen, Bilder und Tipps, viel Pro, wenig Kontra.

Was sind denn eigentlich die Faszien?

Eine vereinfachte und leicht zu verstehende Erklärung ist diese:

 Die Faszie (jawohl, Einzahl) ist eine Art Bindegewebe, das den ganzen Körper durchzieht.

Jedes Organ, jeder Knochen, jedes Gelenk wird von diesem Gewebe am Platz und in Form gehalten. Wohl jede hat schon einmal ein Stück Faszie in Natura gesehen, nämlich beim Verarbeiten von rohem Fleisch. Das weiße Häutchen, das ein Rinderfilet umschließt und durchzieht, ist ein Stück Faszie. Ein ebenfalls sehr anschauliches Bild um sich eine Faszie vorstellen zu können, ist eine Zitrusfrucht. Unter der Schale sind die einzelnen Segmente der Frucht durch weiße Häutchen voneinander getrennt, in Form und am Platz gehalten.

 

Die Faszie ist schon seit jeher in unserem Körper, es wurde ihr aber keine Beachtung geschenkt. Erst in den letzten Jahren hat die Wissenschaft festgestellt, dass sie eine wichtige Funktion im Körper hat. Was heißt hier eine? Unzählige wichtiger Funktionen.

Was ist denn nun wirklich neu an den wissenschaftlichen Erkenntnissen, warum soll die Faszie trainiert werden und haben wir das nicht schon immer getan?

Miriam Wessels, an deren Fortbildung für YogalehrerInnen ich gerade teilgenommen habe, beantwortet diese Fragen und noch mehr.

Simone: Miriam, in der Vorbereitung auf das Interview bin ich auf viele Webseiten gestoßen, die selbstverständlich davon ausgehen, dass dieser Trend zum Faszientraining richtig und wichtig ist. Nur wenige Veröffentlichungen setzen sich kritisch mit dem Thema auseinander. Sie sehen nur einen neuen Namen sowie eine neue Geldmaschine für eine alte Erkenntnis: der Mensch muss sich bewegen, gut ernähren und auch auf seine seelisch-geistige Ausgeglichenheit achten, wenn es ihm gut gehen soll. Was ist deine Meinung zum Stand der Forschung? Haben wir es hier tatsächlich nur mit einem Trend zu tun, wie zum Beispiel mit Aerobic in den 1980er Jahren?

 

Miriam: Nein, das ist kein Trend. Es ist eine Erkenntnis, die man gewonnen hat über den Körper, über bestimmte Strukturen im Körper, von denen man zuvor einen anderen Wissenstand hatte. Es ist ein bisschen so, wie als man angefangen hat zu sezieren und herausgefunden hat, dass wir eine andere Anatomie als Schweine haben. Es war ja davor so gewesen, dass man keine Menschen aufschneiden durfte. Man hat nun also festgestellt, dass das Gewebe, das schon immer da war, eine viel größere Bedeutung hat und sehr daran beteiligt ist, dass wir am Leben bleiben. Diese Erkenntnis muss jetzt integriert werden in alle Physiotherapie-, Medizin-, Heilpraktikerausbildungen...

Faszien-Training ist keine Bewegungsform, sondern es ist eine Art, einen bestimmten Teil eines Körpers zu trainieren. Wenn du zum Beispiel eine Knochendichteschwäche hast, musst du ein bestimmtes Training machen, wenn du eine Muskelschwäche hast, musst du ein bestimmtes Training machen, und wenn du eine Faszienschwäche hast, musst du eben nochmal ein anderes Training machen.

Wir sind noch ganz am Beginn der Forschung. Es ist zwar so, dass wir sehr aufgeregt sind über das, was wir herausgefunden haben, aber wir sind alle noch Pioniere. Wir werden noch sehr viel mehr erfahren und wir werden auch noch häufiger umdenken müssen.

Simone: In deinem Buch erläuterst du sehr ausführlich und anschaulich, was Faszien sind. Du gehst auch auf die dreidimensionale Aufspannung ein. Da musste ich sofort an Yoga denken.

 

Miriam: Aufspannen und zentrieren ist ein besserer Ausdruck als anspannen und entspannen. Wir benötigen gute Worte, um das zu beschreiben, was wir tun. Nicht anspannen und dann entspannen und in sich entspannen, sondern aufspannen und zentrieren. Das bedeutet, dass zu jedem Zeitpunkt eine angemessene Grundspannung im Fasziennetzwerk gegeben ist. Das ist ein anderer Impuls, der als Haltungs- und Bewegungsanweisung gegeben wird. Und den haben wir im Yoga.

 

Simone: Und wie hängen die Meridiane mit den Faszien zusammen?

 

Miriam: Es ist jetzt schon erwiesen, dass es eine hohe Übereinstimmung der Meridianverläufe mit den Faszienverläufen gibt und darüber eine enge Beziehung zwischen Körper und Psyche besteht. Diese Forschungsergebnisse machen viele Bewegungs- und Behandlungsformen, wie zum Beispiel Yoga oder die chinesische Massage, nachvollziehbar. Ganzheitliches Denken und anatomisch-physiologische Lehren finden zueinander.

 

Simone: Ich kann ja nun leider nicht in meinen Körper hineinschauen. Kann ich trotzdem feststellen, in welchem Zustand meine Faszien sind?

 

Miriam: Wenn dein fasziales Netzwerk gesund ist, sieht man das auf den ersten Blick. Du siehst vital, jugendlich und fit aus. Du bewegst dich elegant, geschmeidig, federnd und geräuscharm. Siehst du müde, grau, abgespannt und alt aus, und sind deine Bewegungen schlaff, steif und schwerfällig, ist dein fasziales Netzwerk gestört. Die Faszien erneuern sich jedoch im Kleinen alle 2 ½ Tage, das heißt, du kannst aktiv werden und die Veränderung dann auch nach Wochen, bzw. Monaten sehen.

 

Simone: Yoga scheint mir schon sehr geeignet zu sein, um die Faszie zu trainieren. Auch wegen der inneren Einkehr während der Übungen, der Atemführung, der langen tiefen Entspannung und der Meditationen. Doch welche Übungen aus dem Kundalini Yoga sind denn besonders gut für die Faszien?

 

Miriam: Die Mischung macht es. Faszientraining sollte bestehen aus Elastizität, Geschmeidigkeit, Dehnfähigkeit, Stabilität, Propriozeption, lösenden Techniken und Regeneration. Im Kundalini Yoga sind alle Strategien, wie die Faszien zu trainieren sind, inbegriffen. In den meisten Kriyas oder im Verlauf, wenn du regelmäßig praktiziert, erwischst du alle Strategien und das ist das Besondere an Kundalini Yoga im Gegensatz zu Hatha Yoga oder Yin Yoga. Die bearbeiten jeweils nur einige Segmente. Im Yin Yoga zum Beispiel arbeitest du an der Dehnung, aber nicht an der Stabilität. Für einige Menschen ist es gut, dass sie sozusagen das Gummiband dehnen, weil sie sehr steif sind, für andere leiert es aber irgendwann aus, die brauchen Stabilität.

Simone: Manche Menschen fühlen sich von einer bestimmten Art des Yoga besonders angesprochen. Glaubst du das bedeutet, dass sie genau diesen Stil brauchen?

 

Miriam: Nein, das glaube ich nicht. Ich glaube, ein Stil spricht uns an, weil wir es können und wir so erfolgsgetrimmt sind. Man muss eher schauen, wo habe ich eine Einschränkung in der Beweglichkeit, wo habe ich zu viel Beweglichkeit und wo brauche ich welche Strategie? Bin ich zum Beispiel zu weich im Unterleib, was besonders bei Frauen sein kann, habe ich zu wenig Stabilität und deshalb Rückenschmerzen. Da könnte es sein, dass ich im Oberkörper eher Yin Yoga brauche, weil ich in den Schultern und im Nacken so verspannt bin, und im Unterkörper brauche ich eher Stabilität. Es macht mir natürlich nicht so viel Spaß, so viel Stabilität zu trainieren, weil mir das nicht so liegt. Da geht mir die Luft aus, da finde ich zum Beispiel das yogische Radfahren im Kundalini Yoga nach einer Minute schon anstrengend. Aber das ist es, was ich brauche.

 

Simone: Da muss man schon raus aus seiner Komfortzone!

 

Miriam: Entwicklungsbereit“ ist ein Wort, das ich gut finde. Sind die Menschen wirklich entwicklungsbereit und wenn nicht, bleiben sie bei ihrer Schwäche. Ist okay. Ehre den Widerstand. Wir haben Leute, die sind bis zu einem bestimmten Grad entwicklungsbereit und kommen zum Yoga, aber wirklich an ihre Themen wollen sie nicht ran. Und wenn du deine körperlichen Einschränkungen lösen willst, dann kommen diese Themen eben auch aufs Tablett. Manche Teilnehmer wollen wachsen, aber eben in ihrem Tempo. Man kann nicht am Grashalm ziehen, damit er schneller wächst. Es braucht eben seine Zeit. Und es gibt auch Wachstumsschübe. So sind wir alle.

 

Simone: Viele Menschen sind ja durchaus entwicklungsbereit und würden sich gerne basisch ernähren, mehr bewegen, mehr meditieren... und finden es schwierig, das in ihren Alltag einzubauen. Sie müssten Zeit schaffen, eventuell eine halbe Stunde früher aufstehen. Vom Wunsch der Weiterentwicklung in die Willenskraft und Umsetzung zu kommen, fällt vielen schwer. Was ist dein Ansatz?

 

Miriam: Ich habe eine gewisse Grunddisziplin mitgekriegt. Ich bin sehr selbstdiszipliniert, ohne dass ich mich mühen müsste. Insofern bin ich kein Maßstab. Wenn ich sage, ich mach was, dann mache ich das. Wenn ich mir vornehme vegan zu essen, dann mach ich das. Ich bin aber auch nicht dogmatisch. Wenn ich Lust auf Streukäse habe, dann nehm' ich eben welchen. Ich bin aber auch sehr genügsam. Wenn es keinen Käse gibt, dann gibt es eben keinen. Das macht mir nichts aus. Aber das geht anderen Leuten anders.

Es ist aber gut, so kleine Sachen zu machen. Du trinkst zum Beispiel Kaffee und stellst dir immer ein großes Glas Wasser daneben und trinkst das danach. Oder zu sagen, abends keine Kohlenhydrate. Oder wenn du gerne auf dem Klo sitzt, dann liest du nicht, sondern meditierst. Es muss lebbar bleiben. Wenn du eine große Familie hast und vegan nicht geht oder wenn du gar keine Lust hast auf vegan, dann lass es lieber. Du solltest nichts erzwingen und doch gut für deine Gesundheit sorgen.

Es geht darum, aus der Komfortzone herauszukommen, aber mit der Intention zu sagen, das ist eigentlich richtig cool! Eigentlich ist das spannend, eigentlich ist das entwicklungsfördernd und gibt mir eine Energie von prickelnd.

Simone: Du gibst in deinem Buch viele gut bebilderte und gut erklärte Übungen, die man theoretisch ganz leicht zu Hause nachmachen kann. Praktisch ist das aber nicht so leicht, wie wir gerade besprochen haben. Vielleicht sind deshalb auch viele kleine Tipps enthalten, die für jederfrau tatsächlich ohne Anstrengung umsetzbar sind. Gibst du uns ein paar Beispiele?

 

Miriam: Ja, es ist gut, regelmäßig Sauerkirschsaft zu trinken, da viele der darin enthaltenen Enzyme und chemischen Substanzen den Bausteinen entsprechen, die die Grundsubstanz der Faszie zur Ernährung braucht.

Ausreichende Tiefschlafphasen sind sehr wichtig, da das Fasziengewebe eng mit dem Nervensystem verbunden ist und vollständige Entspannung benötigt.

Und es ist sehr hilfreich, sich nach Bewegungspausen, besonders nach dem Schlafen, ausgiebig zu räkeln, zu strecken und zu dehnen, damit kleine Faszienverklebungen wieder gelöst werden.

 

Simone: Spielen denn die Füße eine Rolle beim Faszientraining? Was hältst du von Barfußschuhen, die sind ja schwer im Kommen.

 

Miriam: Füße spielen eine große Rolle. Es gibt ein Buch von James Earl, „Born to walk“, das gibt es auch auf Deutsch. Er erklärt wie wir laufen. Wir setzen eine Kraft in den Boden, um wieder herauszukommen. Wir hinterlassen sogar ein klein bisschen Kraft im Asphalt, wir deformieren ihn. Aber ganz viel Energie verlieren wir natürlich, wenn wir zum Beispiel auf Sand laufen. Er sagt, wir brauchen einen festen Untergrund, um im Körper eine Elastizität herstellen zu können. Wenn die Schuhe also am wenigsten gedämpft sind, wird der fasziale Körper am meisten trainiert. Deswegen finde ich Barfußschuhe super. Ich trage ja heute auch welche, ich trage aber auch hohe Hacken, ich trage gedämpfte Schuhe, ich trage MBTs und Flip-Flops, ich laufe viel barfuß. Ich denke, auch hier macht es die Variation, denn durch jeden Schuh spreche ich mein fasziales Gewebe anders an, und das ist mir wichtig. Für den Körper sind gedämpfte Schuhe aber weniger gut.

Simone: Durch ein gut trainiertes fasziales Gewebe baue ich mehr körperliche Kraft auf. Gibt mir das auch mehr Kraft fürs Leben?

 

Miriam: Für mich gibt es da keinen Unterschied. Ich lebe nun ja in diesem Körper, der ist das Haus oder das Hotel für meine Seele. Da ist die Frage, wie gut halte ich dieses Hotel in Schuss? Die Seele hat dabei ja ein großes Mitspracherecht. Die sagt, wie sie das und das haben möchte. Die wählte ja ursprünglich auch das Haus aus, mit der und der Disposition. Wenn ich etwas für meinen Körper tue und resilienter bin für meinen Alltag, dann geht das Materielle, das ich verändert habe, über in mentale, emotionale und spirituelle Körper. Oder ich entscheide spirituell etwas und dann manifestiert es sich in der Materie. Beides geht. Und ich für meinen Alltag muss sagen, dass es für mich eine gute Idee ist, etwas begreiflich zu machen, etwas anfassen zu können. Wenn ich an meinem Körper etwas verändere, kann ich es fühlen und anfassen und dann im Verlauf, verändert sich das auch in meinem Leben und ich bin den Anforderungen deutlich besser gewachsen.

 

Simone: Du selbst bist in Hatha Yoga und Kundalini Yoga (und vielen anderen Dingen) ausgebildet und praktizierst gerne Kundalini Yoga. Seit wann denn und was hält dich bei der Stange?

 

Miriam: Ich finde Kundalini Yoga einfach cool. Ich finde die Lieder super, die wilden, manchmal völlig skurrilen Übungen. Das ist faszial natürlich der „Burner“, genau das liebe ich. Es ist ein bisschen anders, und wenn ich Zeit habe, mach' ich seit vielen Jahren schon Kundalini Yoga. Das ist ja auch mein Job. Ich brauche nicht bei der Stange gehalten zu werden, es hält mich von alleine bei der Stange.

 

Simone: Magst du etwas über deine spirituelle Praxis mit uns teilen?

 

Miriam: Ich meditiere seit vielen Jahren jeden Abend auf RaMaDaSa, zeitgleich mit meinem Mann. Außerdem ernähre ich mich vegan und bemühe mich, um ein weites, offenes, liebevolles Herz.

 

Simone: Wo liegt für dich die größte Herausforderung?

 

Miriam: Meine Familie. Die, die einem am nächsten sind, fordern einen am meisten und das kann ich bestätigen.

 

Simone: Die Frage, wie du es regelmäßig auf die Matte schaffst, brauche ich dir ja nicht zu stellen.

 

Miriam: Gegenfrage: wie schaffst du es, zwei mal täglich deine Zähne zu putzen? Da denkt man doch gar nicht drüber nach. Ich würde niemals ins Bett gehen, ohne meine Zähne geputzt zu haben. Was ist das denn für eine Frage?

So ist es für mich auch mit dem Yoga. Wenn ich lange nicht dazu gekommen bin, mich zu bewegen, werde ich unruhig. Eben so, wie wenn ich lange meine Zähne nicht putzen konnte und einen schlechten Geschmack im Mund habe.

 

Simone: Sehr schöner Vergleich. Trotzdem ist es für viele eine echte Überwindung. Auf die Matte zu gehen, meine ich.

 

Miriam: Ja klar, Kindern musst du ja auch beibringen, die Zähne zu putzen. Das braucht halt ein bisschen Zeit, und für die Matte braucht man ein bisschen Selbstdisziplin.

 

Simone: Kinder brauchen so ungefähr drei Jahre...

 

Miriam: Mhm, 1000 Tage.

(Anmerkung: im yogischen Kontext gilt die Regel: nach 1000 Tagen hast du eine neue Gewohnheit gemeistert.)

 

Es lohnt sich also, dranzubleiben am Kundalini Yoga. Und das nicht nur, weil Kundalini Yoga und Faszien-Training so gut zusammen passen.

 

Liebe Miriam, ich danke dir sehr herzlich für das aufschlussreiche Gespräch und für den tollen Workshop!

 

 


Ein Einblick in Miriam Wessels Expertise: sie ist Diplom-Sportwissenschaftlerin, Nebenfach Psychologie, Heilpraktikerin in eigener Praxis, Ausbilderin für Yogalehrer/-therapeuten, Ausbilderin für die Fachausbildung Yoga für Kinder & Jugendliche, Körperorientierte Gestalttherapeutin. Sie bietet an: Myofasziale Lösungstechniken. Und das kann sie auch noch: Konzeptentwicklung u.a. YogaDancing, ASANADANCE, FASZIO®, Fachbuchautorin > PRODUKTE


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