Welchen Sport treibst du? - Ich mach Yoga.

Ist Yoga denn eine Sportart? Nun, man kann den Begriff Sport ziemlich weit fassen. Sogar Schach ist eine Sportart. Eine umstrittene zwar. Gegner behaupten, unter anderem sei die „eigenmotorische Aktivität des Sportlers“ nicht gegeben.

 

Die haben wir bei Yoga auf jeden Fall. Und trotzdem. Yoga beinhaltet zwar Körperübungen, es ist jedoch viel mehr als Sport.

 

Wenn wir in unserem Kulturkreis von Yoga sprechen, meinen wir in der Regel die Asanas, Körperhaltungen. Sie sind jedoch nur ein Teil des Yoga. Denn es basiert auf dem achtgliedrigen Pfad.

 

Der achtgliedrige Pfad ist ein zentrales Element der buddhistischen Lehre. Patanjali, ein indischer Gelehrter, der im 3. Jahrhundert vor Christus lebte, beschreibt die acht Glieder in seinem noch heute gültigen, ultimativen Werk über Yoga. Sie sind essentiell für die Yogapraxis.

 

Der achtgliedrige Pfad

  1. Yamas – der Umgang mit der Umwelt – die 5-fache Beherrschung

  • Ahimsa: Mitgefühl, Geduld, Liebe für andere, Selbstliebe, Selbstwert, Verständnis

  • Satya: Ehrlichkeit, Vergebung, Nicht-Beurteilung, Eingeständnis von Gefühlen, liebevolle Kommunikation, Loslassen von Masken

  • Asteya: Rechte Verwendung von Ressourcen, Loslassen von Eifersucht, Kultivieren des Gefühls der Selbstgenügsamkeit und Vollständigkeit

  • Brahmacharya: Kanalisieren von Emotionen, Mäßigung

  • Aparigraha: Erfüllung der Bedürfnisse und weniger der Wünsche

  1. Niyamas – der Umgang mit sich selbst – die 5-fache Disziplin

  • Shaucha: Ausgewogenheit von Geist, Gedanken und Sprache, Reinheit des Körpers

  • Santosha: Dankbarkeit, Akzeptanz, Gelassenheit im Umgang mit Erfolg oder Versagen

  • Tapas: Entschlossenheit, Bereitschaft zu üben/praktizieren

  • Svadhyaya: Betrachtung, Meditation, Wissenserweiterung

  • Ishvara Pranidhana: Glaube, sich in den Dienst stellen

  1. Asana – der Umgang mit dem Körper – Körperhaltungen für Gesundheit und Meditation

  2. Pranayama – der Umgang mit dem Atem – Kontrolle von Prana (Lebenskraft)

  3. Pratyahara – der Umgang mit den Sinnen – Abstimmung von Sinnen und Gedanken


Der Umgang mit dem Geist

  1. Dharana – Konzentration – auf einen Punkt ausgerichtete Konzentration

  2. Dhyana – Meditation – Tiefe Meditation

  3. Samadhi – Das Höchste: Die innere Freiheit – Erwachen und Versenken in der Geistseele

 

Weshalb setzen jedoch viele Menschen Sport mit Yoga gleich?

Das kann verschiedene Gründe haben. Zum einen wird unser Bild von Yoga stark von den Medien geprägt. Yoga ist hip, Kurse gibt es an jeder Ecke, nicht nur die einzelnen Yogastudios werben mit Bildern, in vielen Zeitungen und Zeitschriften, und nicht nur fachbezogenen, gibt es regelmäßig bebilderte Berichte zum Thema. Oft zeigen diese Bilder junge, schlanke Menschen in Asanas, die ein recht hohes Maß an Muskelkraft, Flexibilität und Körperbeherrschung voraussetzen. Und in vielen Strömungen des heutigen Yoga ist das auch notwendig.

 

Warum sage ich „Strömungen des heutigen Yoga“?

 

Weil nicht alles, was heute angeboten wird, ursprünglich ist. Das ist sicher auch nicht notwendig, schließlich hat sich die Welt in den letzten paartausend Jahren geändert, und wir Menschen uns auch. Trotzdem gibt es heute Yogastile, die in den letzten vielleicht 30 Jahren so weiterentwickelt wurden, dass die Körperlichkeit stark in den Vordergrund gerückt wurde. Dabei dienen die Körperübungen nur dazu, uns in Achtsamkeit zu schulen und auf die Meditation vorzubereiten. Denn wer den achtgliedrigen Pfad gehen will, der braucht in erster Linie Achtsamkeit. Und den Willen zu üben, zu üben und wieder zu üben.

 

Inwiefern ist Yoga vielleicht doch Sport?

Weil die Asanas, auch wenn es einfache Übungen sind, die jeder Mensch in jeder Lebenssituation ausüben kann, stark auf den gesamten Körper wirken.

 

Yoga und Kreislaufsystem, Lymphsystem, Drüsensystem, Immunsystem:

  • Yoga erhöht die Effizienz des Blutflusses

  • Es kräftigt die Herzmuskulatur

  • Es fördert die Gewichtsabnahme durch erhöhten Stoffwechsel

  • Es erhöht den Lymphfluss

  • Es entgiftet Leber, Lungen und Nieren

  • Es stärkt das Immunsystem

  • Es arbeitet am Gleichgewicht der Drüsen

  • Es massiert die inneren Organe

Yoga und Atmungssystem, Nervensystem:

  • Yoga stärkt das Atemvolumen der Lunge

  • Es erhöht die körperliche Widerstandskraft

  • Es hilft, ein optimales Säure-Basen-Gleichgewicht zu schaffen

  • Es reinigt das Blut

  • Es verbessert die Verdauung

  • Es regt den Solarplexus an

  • Es stärkt das Nervensystem

  • Es schafft einen Ausgleich zwischen symphatischem und parasympathischen Nervensystem

  • Es verstärkt den Energiefluss durch bestimmte Nervenbahnen

  • Es erhöht die Erzeugung neuer Gehirnzellen

Yoga und Verdauungssystem, Urogenitalsystem:

  • Yoga vermehrt die verdauungsfördernde Feuerenergie

  • Es vermehrt die Absonderung von Magensäften

  • Es beschleunigt einen trägen Stoffwechsel

  • Es verbessert das Klima in den Gedärmen

  • Es stärkt die Ausscheidungsfähigkeit des Körpers

  • Es regt Meridianpunkte für Magen und Dickdarm an

  • Es harmonisiert die Leber

  • Es verbessert die Durchblutung der Nieren

  • Es hilft den Nieren, Abfallstoffe auszuscheiden

  • Es verringert die Zufuhr neuer Giftstoffe

Yoga und Skelett- und Muskelapparat:

  • Yoga stärkt die Muskeln und somit das Nervensystem

  • Es führt zu einem ausgewogenen Wechsel von Muskelan- und entspannung

  • Es löst Muskelspannungen durch Dehnübungen

  • Es entspannt bestimmte Muskelgruppen

  • Es entspannt dadurch auch zugehörige Organe

  • Es hilft, Energie zu bewahren

  • Es fördert die Durchblutung

  • Es hält die Gelenke beweglich

  • Es unterstützt den Abtransport von Abfallstoffen in den Gelenken

 

Yoga wirkt immer auf mehrere Systeme gleichzeitig, und eine gute Yogastunde wird nie nur einen kleinen Teilbereich ansprechen, wie das bei der Ausübung mancher Sportarten sein kann.

 

Eines unterscheidet Yoga aber definitiv von Sport: es geht nicht um Leistung oder gar Leistungsmessung. Höher, schneller, weiter spielt überhaupt keine Rolle und darf auch keine spielen.

 

Es gibt ein Poster von Iyengar, das ihn in unzähligen verschiedenen Asanas zeigt. Die meisten sind mehr als akrobatisch, man vermutet eher einen Schlangenmenschen. Wie oben schon erwähnt gibt es auch in Werbung und Berichterstattung immer wieder Fotos, die ein sehr einseitiges Bild von Yoga zeigen. Das schreckt viele Leute ab, weil sie denken, sie seien nicht beweglich, jung oder schlank genug, um Yoga zu machen. Falsch. Denn Yoga soll ein sehr sanfter Übungsweg sein, auf dem jede/r seine ganz persönlichen Grenzen kennenlernt und ganz langsam erweitern kann. Akrobatik mag für manche kein Problem sein, ob es sich dabei aber um ein für uns angemessenes Yoga handelt, ist mir die Frage. Und wer sich mit einem Inder vergleichen will, der traditionell erzogen wurde und schon als Kind mit Yoga begonnen hat und sein Leben lang täglich mehrere Stunden übte, der vergleicht Äpfel mit Mangos.

 

 

Wie sieht es nun mit den positiven „Begleiterscheinungen“ aus, die Yoga bietet? Viele Menschen machen schon während oder nach ihrer ersten Yogastunde die Erfahrung, dass sie sich leichter und freier fühlen, entspannter, gelassener. Wer regelmäßig Yoga praktiziert, sagen wir einmal die Woche über ein ganzes Jahr, wird spürbar mehr Lebensqualität haben.

 

Seelische Auswirkungen von Yoga

  • Es steigert die innere Achtsamkeit

  • Es gelingt leichter, sich zu entspannen

  • Es steigert Selbsterkenntnis, Selbstakzeptanz und das Selbstwertgefühl

  • Es wird leichter, sein Denken und Handeln bewusst zu steuern

  • Es steigert die Selbstwirksamkeit

  • Es hellt die Stimmung auf

  • Es lässt Ängste abnehmen

  • Es macht emotional stabiler

  • Es stärkt Durchhaltevermögen, Willenskraft, Entscheidungskraft

  • Es erhöht die Konzentrationsfähigkeit

  • Es stärkt das Gedächtnis

  • Es verlängert die Aufmerksamkeitsspanne

  • Es verhilft zu einem insgesamt gesünderen Lebensstil

  • Es stärkt die Intuition

  • Es erhöht die Kreativität

  • Es wird leichter, Sinn im Leben zu finden

  • Es wird leichter, anderen zu vertrauen

  • Es verringert Maßlosigkeit und/oder Suchttendenzen

  • Es erhöht das Gefühl der Lebenszufriedenheit

Soziale Auswirkungen von Yoga

  • Yoga lässt den inneren Kritiker leiser werden

  • Es steigert Offenheit und Toleranz gegenüber anderen

  • Es steigert die innere Unabhängigkeit

  • Es lässt äußere Abhängigkeiten schwinden

  • Es reduziert destruktive Einstellungen und Verhaltensweisen

  • Es steigert sozial verbindendes Verhalten

  • Es steigert die Selbstverantwortung

  • Forderungen an andere und die Gesellschaft nehmen ab

  • Es fördert das Gefühl der Zugehörigkeit

  • Es steigert das Verantwortungsbewusstsein gegenüber anderen

Unerwünschte Nebenwirkungen von Yoga gibt es auf der seelischen und sozialen Ebene praktisch keine. Das heißt, wenn du seelisch gesund bist und nur wie viele von uns am „ganz normalen Wahnsinn“ leidest, kann dir Yoga nicht schaden. Falls du eine schwere psychische Krankheit hast, solltest du dich besser in ärztliche/psychotherapeutische Behandlung begeben, statt einen Yogakurs zu belegen.

 

Ist Yoga nun Sport oder nicht?

Lass' dich nicht von den Begriffen irritieren. Yoga ist eine gute Sache. Sport auch. Am besten kombinierst du beides. Im Yoga tust du Gutes für die Gesundheit von Körper, Geist und Seele. Auf einer bestimmten Ebene. Kombinierst du deine Yogapraxis mit einer Sportart, die deinen Pulsschlag richtig erhöht, ist das eine sehr sinnvolle Ergänzung. Schwimmen, Joggen, Walken, Radfahren oder was dir Spaß macht, solltest du auf jeden Fall zusätzlich tun. Denn auch beim Sport kannst du mehr erreichen, als deinen Körper zu trainieren. Sich mal so richtig auszupowern wirkt ebenfalls positiv auf den Geist und die Seele. Auf einer anderen Ebene.

 

Falls dich die Frage ob Schach ein Sport ist interessiert, kann ich dir diesen Artikel empfehlen.

Mehr über Yoga in der Gesundheitsforschung gibt es hier.

 

Welcher Yogastil und welche Sportart sind deine Favoriten? Ich freue mich über deinen Kommentar.



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